Bedeutet Dankbarkeit Stillstand?

"Sei doch einfach mal dankbar."
"Denk daran, was du schon alles erreicht hast."
"Muss es denn immer mehr sein?"
Solche Sätze höre ich immer wieder. Und ja, ich mag den Gedanken der Dankbarkeit. Ich will dankbar sein.
Aber ehrlich gesagt hat mich lange etwas daran gestört. Denn manchmal klingt Dankbarkeit für mich wie Stillstand. Als müsste ich mich entscheiden: Entweder ich bin zufrieden. Oder ich entwickle mich weiter.
Ich glaube heute nicht mehr, dass das ein Widerspruch ist.
Ich möchte lernen, wachsen, Neues entdecken, erleben und ausprobieren. Nicht, weil das Heute nicht gut genug ist, sondern weil Entwicklung zu mir gehört.
Macht mich das undankbar?
Ich glaube nicht.
Mein Perspektivenwechsel
Ich habe deshalb meinen Blick auf Dankbarkeit verändert.
Ich bin dankbar für meine Stärken – und genau deshalb möchte ich sie weiterentwickeln und für Neues nutzen. Ich bin dankbar für alles, was ich bereits gelernt habe und genau das gibt mir den Mut, Neues auszuprobieren.
Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich gemacht habe, auch weil sie mir ermöglichen, heute andere Entscheidungen zu treffen. Und ich bin dankbar für den Menschen, der ich heute bin und sehe genau das als Sprungbrett zu neuen Ufern.
Für mich bedeutet Dankbarkeit heute nicht, stehen zu bleiben. Sie bedeutet, den Ausgangspunkt wertzuschätzen und von dort aus weiterzugehen.
Das nimmt der Dankbarkeit nichts weg. Im Gegenteil: Ich muss das, was ich habe und erreicht habe, nicht kleinreden, um Neues zu wollen.
Ich darf stolz auf das Erreichte sein und trotzdem neue Ziele haben. Ich darf zufrieden sein und trotzdem neugierig bleiben. Ich darf dankbar sein und trotzdem mehr wollen.
Über Dankbarkeit habe ich auch nach meinem Besuch auf einer Kaffeeplantage in Sambia nachgedacht und darüber, wie viel hinter etwas so Alltäglichem wie einer Tasse Kaffee steckt.
Was hat das mit ADHS zu tun?
Gerade bei Menschen mit ADHS begegnet mir dieses Spannungsfeld häufig.
Viele Menschen mit ADHS erleben einen starken Drang nach neuen Impulsen. Sie interessieren sich für vieles, denken in Möglichkeiten, begeistern sich für neue Themen und möchten sich weiterentwickeln.
Von aussen kann das schnell so wirken, als könnten sie nie zufrieden sein. Kaum ist etwas erreicht, kommt schon die nächste Idee. Das nächste Projekt. Das nächste Thema, das unbedingt noch entdeckt werden will.
Aber ist das automatisch ein Zeichen von Unzufriedenheit?
Nein. Dahinter kann etwas ganz anderes stecken.
Neues und Interessantes kann für ein ADHS-Gehirn besonders anziehend sein. In der Forschung wird in diesem Zusammenhang unter anderem von „Novelty Seeking“, also der Suche nach neuen und abwechslungsreichen Reizen, gesprochen. Neue Impulse können Aufmerksamkeit und Motivation fördern.
Der Wunsch nach Veränderung und neuen Erfahrungen muss deshalb nicht bedeuten, dass das Bestehende nicht wertgeschätzt wird.
Gleichzeitig lohnt es sich hinzuschauen:
Treibt mich echte Neugier? Oder das Gefühl, noch nicht genug zu sein?
Will ich etwas Neues, weil es mich begeistert? Oder brauche ich den nächsten Erfolg, um mit mir zufrieden zu sein?
Die entscheidende Frage ist nicht, ob ich mehr will, sondern warum.
Ich will beides
Wir müssen uns nicht zwischen Dankbarkeit und Entwicklung entscheiden. Es darf beides geben: die Fähigkeit, wahrzunehmen und wertzuschätzen, was schon da ist, und die Freiheit, trotzdem zu fragen: Was möchte ich noch lernen? Wo möchte ich hin? Was möchte ich noch erleben?
Ich jedenfalls möchte beides: dankbar sein für das, was ist, und neugierig auf das, was noch kommt.
Denn Dankbarkeit muss kein Stillstand sein. Sie kann zum Sprungbrett für das werden, was als Nächstes kommt.
Über mich
Ich bin Sandra Mäusli, ADHS Coach für Erwachsene und Professionals.
In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, ihre Stärken besser zu verstehen, individuelle Strategien zu entwickeln und ihren Alltag mit mehr Klarheit, Struktur und Selbstvertrauen zu gestalten.
Mit meinen Artikeln möchte ich dazu beitragen, dass ADHS besser verstanden wird – von Betroffenen, ihrem Umfeld und der Arbeitswelt.
Lass uns ins Gespräch kommen
Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Veränderung nicht mit mehr Druck beginnt, sondern mit mehr Verständnis.
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst oder mehr über mein Coaching erfahren möchtest, freue ich mich, dich kennenzulernen.



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