Wenn ein Stigma auf ein Tabu trifft: ADHS und Perimenopause

„Ich konnte das doch früher auch.“
Termine im Kopf behalten. Mehrere Dinge gleichzeitig jonglieren. Einen anspruchsvollen Job machen. Für andere mitdenken. Familie organisieren. Funktionieren.
Für viele Frauen ist der Alltag schon lange anstrengender, als es von aussen aussieht. Listen, Routinen, Zeitdruck, Disziplin und oft auch ein grosses Mass an innerer Anstrengung helfen dabei, alles am Laufen zu halten.
Und dann verändert sich etwas.
Die Konzentration lässt nach. Dinge werden häufiger vergessen. Der Kopf fühlt sich voller und gleichzeitig weniger zuverlässig an. Emotionen sind schwerer zu regulieren. Der Schlaf wird schlechter. Die Belastungsgrenze scheint tiefer zu liegen.
Was ist passiert?
Bei vielen Frauen fällt diese Veränderung in eine Lebensphase, in der sich auch hormonell viel verändert: die Perimenopause.
Und genau hier wird es interessant. Denn was passiert, wenn ADHS und Perimenopause zusammentreffen?
Wenn zwei wenig besprochene Themen aufeinandertreffen
ADHS bei Frauen wurde lange übersehen. Noch heute erhalten viele ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter. Ein Grund dafür ist, dass ADHS bei Mädchen und Frauen oft weniger offensichtlich in Erscheinung tritt und Schwierigkeiten durch Kompensationsstrategien lange verdeckt werden können.
Viele haben gelernt, zu kompensieren und zu maskieren. Mit Struktur, Perfektionismus, hohem Verantwortungsgefühl und enormem Einsatz.
Nach aussen funktioniert der Alltag. Innen kostet er oft sehr viel Kraft.
Auch über die Perimenopause wird gerade im Berufsleben noch immer wenig offen gesprochen. Und eine ADHS-Diagnose ist für viele Frauen mit der Sorge verbunden, anders wahrgenommen oder in ihrer Leistungsfähigkeit infrage gestellt zu werden.
Genau hier treffen zwei Lebensrealitäten aufeinander, die beide lange wenig sichtbar waren.
Was haben Hormone mit ADHS zu tun?
Östrogen wirkt auch im Gehirn und steht unter anderem in Wechselwirkung mit dopaminergen Systemen. Dopamin spielt wiederum eine wichtige Rolle bei Prozessen, die bei ADHS relevant sind, etwa bei Motivation, Aufmerksamkeit und exekutiven Funktionen.
Während der Perimenopause verändern und schwanken die Hormonspiegel. Gleichzeitig können in dieser Lebensphase auch unabhängig von ADHS Veränderungen bei Schlaf, Stimmung, Gedächtnis und Konzentration auftreten.
Es gibt Hinweise darauf, dass hormonelle Veränderungen mit Veränderungen von ADHS-Symptomen zusammenhängen können. Für die Perimenopause und Menopause ist die Datenlage allerdings noch erstaunlich dünn.
Ein systematischer Review aus dem Jahr 2025 fand nur elf Studien zur Beziehung zwischen weiblichen Sexualhormonen und ADHS. Für die Menopause selbst identifizierte der Review keine empirischen Studien.
Das bedeutet nicht, dass es keinen Zusammenhang gibt.
Es bedeutet vor allem: Wir wissen noch viel zu wenig.
Was Frauen berichten
In ADHS-Communities berichten Frauen immer wieder von ähnlichen Erfahrungen: Brain Fog, stärkere Vergesslichkeit, Schwierigkeiten mit Fokus und Selbstorganisation, emotionale Schwankungen. Und vor allem davon, dass Strategien, die jahrelang funktioniert haben, plötzlich nicht mehr gleich gut tragen.
Manche beginnen gerade in dieser Lebensphase zum ersten Mal darüber nachzudenken, ob hinter ihren Schwierigkeiten ADHS stecken könnte.
Solche Erfahrungsberichte ersetzen keine wissenschaftliche Evidenz. Sie zeigen aber, welche Fragen die Forschung bisher nur unzureichend beantwortet. Auch aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeiten weisen auf Forschungsbedarf rund um hormonelle Übergangsphasen hin.
ADHS oder Perimenopause?
Diese Frage lässt sich nicht immer eindeutig beantworten.
Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Schlafstörungen und emotionale Schwankungen können sowohl bei ADHS als auch während der Perimenopause auftreten.
Besonders spürbar kann das im Berufsleben werden. Aufgaben, die lange selbstverständlich waren, brauchen plötzlich mehr Konzentration und Energie. Fokus zu halten, zwischen verschiedenen Themen zu wechseln oder nach einem anspruchsvollen Arbeitstag noch Reserven zu haben, kann schwieriger werden.
Wer beruflich seit Jahren leistungsfähig ist und Verantwortung trägt, beginnt dann schnell, an sich selbst zu zweifeln.
Warum schaffe ich nicht mehr, was ich früher problemlos geschafft habe?
Warum kostet mich alles so viel Energie?
Warum kann ich mich plötzlich nicht mehr auf mich selbst verlassen?
Die Kompetenz ist nicht verschwunden
Eine erfahrene Führungskraft oder Professional verliert nicht plötzlich ihre Erfahrung, ihr Wissen oder ihre Kompetenz, nur weil Fokus, Energie oder Selbstorganisation schwieriger werden.
Was sich verändern kann, sind die Bedingungen, unter denen die bisherigen Strategien funktioniert haben.
Und genau darauf braucht es eine neue Antwort.
Nicht zwingend noch mehr Disziplin.
Sondern ein besseres Verständnis dafür, was heute anders ist und welche Strategien heute wirklich entlasten.
Die Kompetenz ist nicht verschwunden. Wenn Fokus, Energie oder Selbstorganisation schwieriger werden, sind Erfahrung, Wissen und berufliche Kompetenz nicht weg. Verändert haben sich die Bedingungen, unter denen bisherige Strategien funktioniert haben.
Was hilft mir, meinen Fokus zu steuern? Welche Strukturen entlasten mich wirklich? Wo verliere ich unnötig Energie? Und welche Veränderungen sollte ich medizinisch abklären lassen?
Denn Coaching ersetzt weder eine ADHS-Diagnostik noch eine medizinische Beratung zur Perimenopause oder Menopause. Es kann aber dabei helfen, die eigene Situation besser zu verstehen und den Alltag sowie das Berufsleben neu darauf auszurichten.
Es geht nicht darum, wieder wie früher zu funktionieren
Die Veränderungen während der Perimenopause können dazu führen, dass Strategien, die lange funktioniert haben, überdacht werden müssen.
Das kann verunsichern, besonders dann, wenn wir unsere Leistungsfähigkeit daran messen, was früher selbstverständlich möglich war.
Doch die entscheidendere Frage ist oft nicht:
Wie schaffe ich es, wieder genauso zu funktionieren wie früher?
Sondern:
Was brauche ich heute, damit es für mich funktioniert?
Gerade in der Lebensmitte kann diese Auseinandersetzung unbequem sein.
Und gleichzeitig kann sie etwas Wertvolles eröffnen: nicht einfach noch mehr zu kompensieren, sondern sich selbst ein Stück besser zu verstehen.
Quellen und weiterführende Literatur
Osianlis, E., Thomas, E. H. X., Jenkins, L. M. & Gurvich, C. (2025).ADHD and Sex Hormones in Females: A Systematic Review. Journal of Attention Disorders, 29(9), 706–723.
Kooij, J. J. S., de Jong, M., Agnew-Blais, J. et al. (2025).Research advances and future directions in female ADHD: the lifelong interplay of hormonal fluctuations with mood, cognition, and disease. Frontiers in Global Women’s Health, 6, Article 1613628.
Young, S., Adamo, N., Ásgeirsdóttir, B. B. et al. (2020).Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry, 20, Article 404.
Hinweis zur Forschungslage: Die Forschung zum direkten Zusammenhang zwischen ADHS und Perimenopause bzw. Menopause befindet sich noch in einem frühen Stadium. Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und ADHS-Symptomen bestehen insbesondere aus Untersuchungen anderer hormoneller Lebensphasen. Für die (Peri-)Menopause fehlen bislang ausreichende empirische Daten, um einen direkten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang abzuleiten.
Über mich
Ich bin Sandra Mäusli, ADHS Coach für Erwachsene und Professionals.
In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, ihre Stärken besser zu verstehen, individuelle Strategien zu entwickeln und ihren Alltag mit mehr Klarheit, Struktur und Selbstvertrauen zu gestalten.
Mit meinen Artikeln möchte ich dazu beitragen, dass ADHS besser verstanden wird – von Betroffenen, ihrem Umfeld und der Arbeitswelt.
Lass uns ins Gespräch kommen
Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Veränderung nicht mit mehr Druck beginnt, sondern mit mehr Verständnis.
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst oder mehr über mein Coaching erfahren möchtest, freue ich mich, dich kennenzulernen.



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