Hobby Hopping bei ADHS – wenn die Begeisterung schneller ist als das Hobby

Über neue Leidenschaften, alte Ausrüstung und die Freude an kleinen Abenteuern.
Ich habe mein Hobby nicht aufgegeben. Wir haben uns einfach auseinandergelebt. 😄
Es war eine intensive, wunderschöne Zeit. Drei Wochen lang.
Kommt dir bekannt vor?
Am Anfang ist da diese riesige Begeisterung. Du entdeckst etwas Neues und bist Feuer und Flamme. Du recherchierst, schaust Tutorials, vergleichst die beste Ausrüstung und stellst dir schon vor, wie gut du darin einmal sein wirst.
Die Yogamatte ist bestellt, die Aquarellfarben stehen bereit, und für das neue Lauftraining gibt es natürlich die passende App.
Und dann? Irgendwann ist die Luft raus. Nicht unbedingt, weil das Hobby keinen Spass mehr macht. Sondern weil plötzlich etwas anderes noch spannender erscheint.
Willkommen beim Hobby Hopping!
Warum gerade Menschen mit ADHS gerne Neues entdecken
Menschen mit ADHS erleben häufig, dass ihre Motivation stark von Interesse, Neuheit und unmittelbarer Belohnung beeinflusst wird.
Ein neues Hobby bietet davon reichlich: spannende Eindrücke, Herausforderungen, schnelle Lernerfolge und jede Menge Möglichkeiten, sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen.
Manchmal entsteht dabei sogar ein regelrechter Hyperfokus. Drei Stunden lang die perfekte Töpferscheibe recherchieren? Kein Problem. Die Krankenkassenrechnung bezahlen? Schon schwieriger.
Doch sobald die anfängliche Begeisterung nachlässt und Routine einkehrt, verliert das Hobby manchmal seinen Reiz.
Natürlich ist Hobby Hopping kein ausschliessliches ADHS-Phänomen. Auch Menschen ohne ADHS entdecken gerne neue Interessen. Bei ADHS kann dieser Wechsel zwischen intensiver Begeisterung und nachlassender Motivation allerdings besonders ausgeprägt sein.
Muss aus jeder Begeisterung eine lebenslange Leidenschaft werden?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Durchhaltevermögen einen hohen Stellenwert hat.
Wer etwas anfängt, sollte es auch zu Ende bringen. Wer ein Instrument lernt, sollte irgendwann gut darin werden. Und wer mit dem Joggen beginnt, sollte doch zumindest einen Halbmarathon anstreben.
Aber warum eigentlich?
Vielleicht war der Töpferkurs auch dann wertvoll, wenn danach nie wieder eine Vase entstanden ist.
Vielleicht haben die drei Wochen mit der Kamera Freude gemacht, obwohl daraus keine neue Leidenschaft wurde.
Und vielleicht darf ein Hobby einfach ein Hobby sein. Ohne Leistungsdruck, ohne langfristigen Plan und ohne das Gefühl, etwas nicht geschafft zu haben.
Natürlich kann Hobby Hopping auch Schattenseiten haben. Besonders dann, wenn jede neue Begeisterung mit teuren Anschaffungen verbunden ist oder das ständige Wechseln irgendwann frustriert.
Aber statt sich dafür zu kritisieren, lohnt sich vielleicht eine andere Frage:
Was habe ich durch dieses Interesse erlebt, gelernt oder entdeckt?
Nicht alles muss bleiben, um wertvoll gewesen zu sein.
Mini-Abenteuer statt immer neuer Hobbys 🍂
Aber wie können wir unserer Neugier Raum geben, ohne jedes Mal gleich ein neues Hobby anzufangen?
Gerade jetzt im Herbst liegt eine Möglichkeit praktisch vor unserer Haustür.
Wenn sich die Blätter verfärben, die Luft frischer wird und die Wälder in den schönsten Farben leuchten, bietet sich eine wunderbare Gelegenheit, die eigene Neugier auszuleben.
Ganz ohne neue Ausrüstung, Mitgliedschaft oder ambitionierten Trainingsplan.
Wie wäre es zum Beispiel, beim nächsten Spaziergang einfach einmal links statt rechts abzubiegen?
Einen Waldweg zu nehmen, den du noch nie gegangen bist. Ein unbekanntes Café zu entdecken. Einen kleinen Ausflug zu machen, ohne alles im Voraus zu planen.
Oder die bunten Herbstblätter einmal ganz bewusst zu betrachten, statt gedanklich schon bei der nächsten Aufgabe zu sein.
Solche Mini-Abenteuer bringen Abwechslung in den Alltag. Neue Eindrücke können unsere Aufmerksamkeit wecken, die Motivation fördern und uns helfen, aus gewohnten Routinen auszubrechen.
Gerade für Menschen mit ADHS kann das eine schöne Möglichkeit sein, das Bedürfnis nach Neuheit aufzugreifen, ohne gleich das nächste grosse Projekt zu starten.
Und das Beste daran? Ein kleiner Umweg braucht meistens weder ein Budget noch eine Gebrauchsanleitung.
Manchmal braucht es kein neues Hobby. Nur einen neuen Weg. 🍂
Neugier darf auch einfach Neugier bleiben
Vielleicht müssen wir unserer Neugier nicht immer gleich ein neues Hobby widmen. Und vielleicht dürfen wir akzeptieren, dass manche Interessen nur kurz bleiben. Entscheidend ist doch, dass sie uns Freude machen – nicht, wie lange wir ihnen treu bleiben.
Mein kleiner Herbstimpuls:
Nimm dir diese Woche ein Mini-Abenteuer vor. Etwas, das du noch nie gemacht hast. Es muss weder spektakulär noch aufwendig sein.
Vielleicht reicht schon ein neuer Weg durch den Wald.
Und falls du unterwegs plötzlich beschliesst, dass Naturfotografie dein nächstes grosses Hobby wird ...
...schläfst du vielleicht vor dem Kamerakauf erst einmal eine Nacht darüber. 😉
Über mich
Ich bin Sandra Mäusli, ADHS Coach für Erwachsene und Professionals.
In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, ihre Stärken besser zu verstehen, individuelle Strategien zu entwickeln und ihren Alltag mit mehr Klarheit, Struktur und Selbstvertrauen zu gestalten.
Mit meinen Artikeln möchte ich dazu beitragen, dass ADHS besser verstanden wird – von Betroffenen, ihrem Umfeld und der Arbeitswelt.
Lass uns ins Gespräch kommen
Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Veränderung nicht mit mehr Druck beginnt, sondern mit mehr Verständnis.
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst oder mehr über mein Coaching erfahren möchtest, freue ich mich, dich kennenzulernen.



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