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Spätdiagnose ADHS – eine Chance?

Autorenbild: Sandra M.
Sandra M.
29. Sept.
3 Min. Lesezeit

Was sich verändern kann, wenn wir erst später im Leben erfahren, dass wir ADHS haben.


„Warum hat das niemand früher erkannt?“


Diese Frage höre ich immer wieder von Menschen, die ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter erhalten. Manchmal mit 30, manchmal mit 40, 50 oder noch später.


Und oft folgt eine zweite:


„Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich das früher gewusst hätte?“


Eine späte ADHS-Diagnose kann vieles auslösen: Erleichterung, Wut, Trauer, Zweifel und manchmal alles gleichzeitig.


Aber sie kann auch eine Chance sein.


Denn auch wenn eine späte Diagnose die Vergangenheit nicht verändert, kann sie uns helfen, die Zukunft bewusster zu gestalten.


Wenn nicht nur die Diagnose neu ist


Eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter passiert nicht im luftleeren Raum. Oft fällt sie in eine Lebensphase, in der sich ohnehin vieles verändert.


Wir bekommen Kinder und organisieren plötzlich nicht mehr nur unseren eigenen Alltag. Wir übernehmen beruflich mehr Verantwortung und versuchen vielleicht gleichzeitig, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen.


Später werden die Kinder selbstständiger oder ziehen aus, vertraute Rollen verändern sich. Und bei Frauen können in der Perimenopause hormonelle Veränderungen hinzukommen, die bestehende ADHS-Symptome verstärken können.


Was viele Jahre funktioniert hat, funktioniert plötzlich nicht mehr gleich gut.


Die bisherigen Strategien reichen nicht mehr aus, weil sich Anforderungen, Energie und Prioritäten verändert haben.


Genau in dieser Phase kommt vielleicht die Diagnose. Noch eine Veränderung – aber auch ein Anlass, genauer hinzuschauen.


Der Blick zurück gehört dazu


Mit einer späten Diagnose taucht oft die Frage auf:


Was wäre gewesen, wenn ich es früher gewusst hätte?


Hätte ich andere Entscheidungen getroffen? Wäre ich freundlicher mit mir selbst umgegangen? Hätte ich weniger Energie darauf verwendet, Erwartungen zu erfüllen, die mich viel Kraft gekostet haben?


Neben der Erleichterung können deshalb auch Trauer, Wut oder Bedauern auftauchen. Beides darf sein: die Erleichterung über das neue Wissen und das Bedauern darüber, es nicht früher gehabt zu haben.


Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern. Aber der Blick kann sich nach vorne richten.


Was mache ich mit diesem Wissen heute?


Eine Diagnose kann helfen, die eigene Geschichte neu einzuordnen. Sie muss aber nicht zur Erklärung für jede Schwierigkeit und jede Eigenschaft werden.


Vielleicht braucht es mit 45 andere Strategien als mit 25. Vielleicht passt ein Arbeitsumfeld, in dem wir jahrelang erfolgreich waren, heute nicht mehr. Oder wir stellen fest, dass die Balance zwischen Beruf, Familie, Beziehungen und den eigenen Bedürfnissen nicht mehr stimmt.


Dann geht es nicht nur um ADHS, sondern um das eigene Leben insgesamt:

Was gibt mir Energie und was kostet mich zu viel davon? Welche Strukturen unterstützen mich? Und was möchte ich verändern?


Nicht mehr gegen sich selbst arbeiten


Für mich liegt darin eine der grössten Chancen einer späten Diagnose.


Aus „Ich bin einfach schlecht organisiert.“ wird: „Organisation kostet mich viel Energie – welche Struktur hilft mir?“


Aus „Ich bringe Dinge nie zu Ende.“ wird: „Was hilft mir, dranzubleiben, wenn die anfängliche Begeisterung nachlässt?“


Und aus „Warum kriegen das alle anderen hin und ich nicht?“ wird: „Wie funktioniert es für mich?“


Ein kleiner Unterschied in der Formulierung, aber ein grosser im Umgang mit sich selbst.


Und was ist mit den Stärken?


Ich mag Aussagen wie „ADHS ist eine Superkraft“ nicht besonders. ADHS kann sehr belastend sein und muss nicht schöngeredet werden.


Trotzdem dürfen wir auch auf das schauen, was gut funktioniert: Begeisterungsfähigkeit, Kreativität, Neugierde, ein Gespür für Zusammenhänge oder die Bereitschaft, ungewöhnliche Wege zu gehen.


Nicht jeder Mensch mit ADHS bringt diese Eigenschaften mit, und nicht jede Stärke ist in jeder Situation hilfreich.


Aber neben der Frage, was schwierig ist, darf auch eine andere stehen:


Was kann ich richtig gut und wie kann ich mehr davon nutzen?


Vielleicht liegt genau darin die Chance


Eine späte Diagnose gibt uns die vergangenen Jahre nicht zurück und löst die Herausforderungen von heute nicht automatisch.


Aber sie kann ein Ausgangspunkt sein, die nächsten Jahre bewusster zu gestalten.


Nicht: Wie müsste ich eigentlich funktionieren? Sondern: Was brauche ich heute?

Eine späte ADHS-Diagnose ist nicht die Antwort auf alles.

Aber sie kann ein ziemlich guter Zeitpunkt sein, neue Fragen zu stellen.



Über mich


Ich bin Sandra Mäusli, ADHS Coach für Erwachsene und Professionals.


In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, ihre Stärken besser zu verstehen, individuelle Strategien zu entwickeln und ihren Alltag mit mehr Klarheit, Struktur und Selbstvertrauen zu gestalten.


Mit meinen Artikeln möchte ich dazu beitragen, dass ADHS besser verstanden wird – von Betroffenen, ihrem Umfeld und der Arbeitswelt.


Lass uns ins Gespräch kommen


Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Veränderung nicht mit mehr Druck beginnt, sondern mit mehr Verständnis.


Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst oder mehr über mein Coaching erfahren möchtest, freue ich mich, dich kennenzulernen.



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