Erwartungen – der Druck, den viele Erwachsene mit ADHS mit sich tragen
- Sandra M.
- 12. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Vor einiger Zeit führte ich ein Online-Coaching.
Eine Klientin wählte sich ein paar Minuten zu spät ein.
Noch bevor das Gespräch richtig begonnen hatte, entschuldigte sie sich. Mehrmals.
Man spürte sofort, wie unangenehm ihr die Situation war.
Dabei war für mich die Verspätung gar nicht das Entscheidende.
Was mich beschäftigt hat, war etwas anderes: Wie selbstverständlich sie davon ausging, mich enttäuscht zu haben.
Ich hatte ihr keinen Vorwurf gemacht.
Und trotzdem schien für sie klar zu sein, dass sie meinen Erwartungen nicht gerecht geworden war.
Dieses Gespräch hat mich nachdenklich gemacht.
Denn genau dieses Gefühl begegnet mir im Zusammenhang mit ADHS immer wieder.
Nicht nur die Angst, einen Fehler zu machen.
Sondern oft auch die Sorge, andere zu enttäuschen.
Wenn Erwartungen zur inneren Stimme werden
Menschen mit ADHS hören oft schon früh Sätze wie:
„Streng dich einfach mehr an.“
„Du bist doch intelligent.“
„Du könntest so viel erreichen, wenn du dich nur besser organisieren würdest.“
Diese Aussagen sind meist nicht böse gemeint.
Doch über Jahre werden sie zu einer inneren Stimme.
Aus den Erwartungen anderer werden eigene Erwartungen.
„Ich dürfte nichts vergessen.“
„Ich müsste pünktlicher sein.“
„Ich sollte konzentrierter arbeiten.“
„Warum schaffe ich das nicht so wie andere?“
Viele Erwachsene mit ADHS sind beruflich erfolgreich und übernehmen Verantwortung.
Und trotzdem begleitet sie häufig das Gefühl, den Erwartungen anderer – oder den eigenen – nie ganz zu genügen.
Dieses Erleben deckt sich auch mit dem, was die Forschung beschreibt.
Viele Erwachsene mit ADHS berichten, über Jahre hinweg immer wieder negative Rückmeldungen zu erhalten. Das kann das Selbstwertgefühl beeinflussen und dazu beitragen, dass sie besonders sensibel auf Fehler oder die Möglichkeit reagieren, andere zu enttäuschen. Nicht jede Person mit ADHS erlebt das gleich, aber viele erkennen sich darin wieder.
Wenn aus Erwartungen ständiger Druck wird
Vielen Menschen mit ADHS fehlt es nicht an Motivation.
Im Gegenteil.
Sie möchten zuverlässig sein, gute Arbeit leisten und niemanden enttäuschen.
Gerade deshalb setzen sie sich oft besonders hohe Massstäbe.
Eine vergessene E-Mail oder ein versäumter Termin beschäftigen sie manchmal noch lange.
Ein erfolgreich abgeschlossenes Projekt dagegen wird erstaunlich schnell als selbstverständlich abgehakt.
Der Blick bleibt an dem hängen, was nicht perfekt war.
Nicht weil sie zu wenig leisten.
Sondern weil ihr innerer Massstab oft kaum erreichbar ist.
Erwartungen können motivieren – oder belasten
Erwartungen sind grundsätzlich nichts Negatives.
Sie geben Orientierung.
Sie schaffen Verbindlichkeit.
Sie helfen uns, Verantwortung zu übernehmen.
Belastend werden Erwartungen dann, wenn wir glauben, ihnen ständig gerecht werden zu müssen, unabhängig davon, wie viel Kraft uns das kostet.
Menschen mit ADHS können Strategien entwickeln, um sich besser zu organisieren oder den Alltag strukturierter zu gestalten.
Doch häufig brauchen sie dafür andere Werkzeuge, passende Rahmenbedingungen oder mehr Zeit.
Nicht einfach mehr Disziplin.
Eine Frage, die viel verändern kann
Eine Frage, die ich im Coaching für besonders hilfreich halte, ist:
„Wessen Erwartung versuchst du eigentlich gerade zu erfüllen?“
Oft entsteht zunächst Stille.
Denn viele merken erst in diesem Moment, wie viele ihrer Ansprüche gar nicht ihre eigenen sind.
Der nächste Schritt besteht nicht darin, Erwartungen komplett loszulassen. Sondern bewusst zu entscheiden:
Welche Erwartungen entsprechen meinen Werten?
Welche helfen mir wirklich weiter?
Und welche trage ich nur mit mir herum, weil ich sie irgendwann übernommen habe?
Welche Erwartung an dich selbst hat dich in den letzten Tagen besonders unter Druck gesetzt? War sie wirklich deine eigene? Oder hast du sie irgendwann, bewusst oder unbewusst, von anderen übernommen?
Mein Gedanke
Vielleicht beginnt Veränderung nicht damit, dass wir lernen, Erwartungen immer besser zu erfüllen.
Sondern damit, dass wir uns fragen, welche Erwartungen überhaupt die eigenen sind.
Denn manchmal entsteht Veränderung nicht dadurch, dass wir noch mehr leisten.
Sondern dadurch, dass wir aufhören, uns ständig beweisen zu müssen.
Gerade für Menschen mit ADHS kann das ein wichtiger Schritt sein. Hin zu mehr Selbstakzeptanz und einem Alltag, der sich nicht nur daran orientiert, was wir leisten, sondern auch daran, was wir brauchen.
Lass uns ins Gespräch kommen
Ich bin überzeugt, dass nachhaltige Veränderung nicht mit mehr Druck beginnt, sondern mit mehr Verständnis.
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst oder mehr über mein Coaching erfahren möchtest, freue ich mich, dich kennenzulernen.

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